 |
 |
 |
| |
Klezmermusik
|
|
| |
Neue Impulse aus alten
Wurzeln
Im Jahr 1989 lernte ich Giora Feidman kennen. Schnell wurden wir Freunde, und nach einiger
Zeit begann ich, als Assistent in seinen Workshops zu arbeiten. Damit veränderten sich mein
Leben und meine Musik. Das faszinierende Musikverständnis, das Feidman über die Klezmermusik
vermittelte, die Idee des "Kli-Zemer" ließ mich seither nicht mehr los, aus meiner Jazzband
wurde nach und nach eine Klezmerband. Aber was ist das eigentlich: Klezmer?
König David soll der erste Klezmer gewesen sein: Ein Mensch, der zur Freude seiner
Mitmenschen musiziert. Ein Klezmer (Mehrzahl: Klezmorim) ist ein Musiker, der zum
"Kli-Zemer", zum Gefäß der Musik wird. Jemand, der schöne Musik empfangen, aufnehmen und
weitergeben kann. Ursprünglich fest verbunden mit der instrumentalen jüdischen
Hochzeitsmusik, hat die Musik der Klezmorim in den letzten 30 Jahren einen großen
Bedeutungswandel erfahren.
Vor 1900 waren Klezmorim häufig fahrende Musikanten in Osteuropa. Sie blieben nur so lange in
einer Stadt, wie Hochzeiten oder andere Feste anstanden, zu denen sie gebraucht wurden, dann
zogen sie weiter. Wichtigste Instrumente waren Geige, Tsimbel (eine Art Hackbrett), die
Bassfunktion wurde aufgrund der Transportschwierigkeiten oft von einem Cello übernommen.
Entsprechend abenteuerlich war ihr Ruf: Obwohl sie für eine Hochzeit unverzichtbar waren,
hatten sie einen sehr niedrigen gesellschaftlichen Status - sie wurden häufig in einem Atemzug
mit Bettlern und Vagabunden genannt. Zugleich galten sie als geheimnisvolle
Verführungskünstler schöner Frauen: "Man erzählt von ihm, er komme mit allen Zauberern und
bösen Geistern zurande" beschreibt Scholem Alejchem seinen Zaubergeiger Stempenju.
Um 1900 wanderten viele Klezmorim aus Osteuropa aus - wichtigstes Ziel war Amerika. Diese Auswanderung
ging einher mit einer Abkehr von der Tradition. Die Neue Welt brachte neue Anforderungen und neue Impulse
in die Musik. Enorm aufgewertet wurde alles, wozu man tanzen konnte, nicht tanzbare Stücke, die im Umfeld
einer osteuropäischen Hochzeit noch wichtige Funktionen erfüllten, wurden in den Hintergrund gedrängt. Die
Klarinette löste die Geige als Melodieinstrument ab. In den 20er Jahren avancierte der
extatisch-expressive Klarinettist Naftule Brandwein zum "King of Jewish Music", sein "Nachfolger" Dave
Tarras hingegen pflegte eine sehr akademische Spielweise.
Ab 1930 gab es faktisch keine Klezmermusik mehr. In Europa wüteten die Nazis, in den USA wurde Klezmermusik
kaum noch außerhalb religiöser Zeremonien gepflegt. Auch nach dem 2. Weltkrieg gab es keine
Wiederbelebungsversuche, im Gegenteil: in den USA, wo noch am ehesten ein Revival der Klezmermusik
möglich gewesen wäre, führten ideologische Erwägungen dazu, bei religiösen Festen Musiker einzusetzen,
die sich hervorragend mit der Thora auskannten, aber ihre Instrumente oft nur sehr mäßig beherrschten.
Und außerhalb der Synagogen hatte die Klezmermusik überhaupt keine Bedeutung mehr.
Das änderte sich erst 1970. Eine Reihe junger jüdischer Musiker, fast ausschließlich Hochschulabsolventen,
läuteten endlich das Klezmer-Revival ein. Die wenigen noch vorhandenen Schellack-Platten mit Aufnahmen
amerikanischer Klezmermusiker wurden ausgewertet, transkribiert. Es begann ein Prozess des Auslotens
zwischen traditionellen jüdischen Wurzeln und neuem Zeitgeist. Im Laufe der nächsten 30 Jahre entwickelte
sich daraus eine Vielfalt von interessanten Gruppen. Hier sind vor allem zu nennen: Klezmer Conservatory
Band, Klezmatics, Klezmorim, Kapelye und Brave Old World. Die Klezmatics haben einerseits eine
traditionelle Ausprägung, mit der sie durchaus Hochzeiten und Bar Mizwas spielen können, andererseits
prägten sie den Begriff "Radical Jewish Music": eine neue, aufregende Musik, die zwar in der jüdischen
Tradition wurzelte, aber mit großer Unbefangenheit Elemente aus Free Jazz, Avantgarde und
Populärmusik einsetzte.
Ende der 80er Jahre entstand ein neuer Schwerpunkt der Klezmermusik in Europa, vor allem in Deutschland.
Hier feierte Giora Feidman mit seiner magischen Klarinette triumphale Erfolge - Klezmermusik hielt mit
ihm Einzug in die Filmwelt (Schindlers Liste, Jenseits der Stille, Titanic,...). Feidman entwickelte die
Klezmermusik von der funktionalen Hochzeitsmusik zum völkerverbindenden musikalischen Ereignis "Wenn du
singst, wie kannst du hassen!" Dafür wurde ihm 2001 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Infolge seiner
Konzerte und Workshops begannen zahlreiche junge Menschen, sich mit dieser Musik auseinanderzusetzen.
Ähnlich wie in den USA gibt es heute auch in Europa eine große Vielfalt: Es gibt Gruppen, die versuchen,
eine Stetl-Romantik auf die Bühne zu bringen, "weil es bei den Leuten gut ankommt". Einige erachten die
Pflege der Klezmermusik sogar als Wiedergutmachung für die Verbrechen des Holocaust und würzen ihre
Konzerte mit Schuldbekenntnissen. Es gibt aber auch eine Reihe von Musikern, die einfach von der Schönheit
und den Möglichkeiten dieser Musik fasziniert sind und sie - parallel zum Jazz - als wichtigen Impuls für
die Weiterentwicklung unserer heutigen Musik ansehen. Wichtige Vertreter der letztgenannten Richtung sind
neben Giora Feidman die Gruppen "Kroke" aus Krakau, Irith Gabriely`s "Colaleila" sowie mein Trio "Helmut
Eisel & JEM" aus Deutschland und die Gruppe "Kol Simcha" aus der Schweiz. Bei diesen Gruppen spielen häufig
nichtjüdische Musiker und der Bezug zur traditionellen Klezmermusik ist weit in den Hintergrund getreten.
Sie werden auch normalerweise nicht zu Hochzeiten und Bar Mizwas, sondern zu öffentlichen Konzerten
engagiert und sie sind Meister darin, ihr Konzertpublikum zu begeistern.
Bei jüdischem Publikum hat Klezmermusik auch heute noch häufig kein hohes Ansehen. Ein jüdischer
Klezmermusiker, der seit Jahren unter dieser Entwicklung leidet, veröffentliche jüngst einen Aufsatz mit
der Überschrift "Schweig, Klezmer, schweig!" Darin verkündet er seine Hoffnung, bevor sich die Klezmermusik
unabhängig von der jüdischen Tradition weiterentwickele, möge sie doch lieber aussterben. Das erinnert an
den noch in den 60er Jahren häufig zitierten Satz: "Nur schwarze Menschen können echten Jazz spielen!"
Wenn man Klezmermusik ohne den funktionalen Bezug zur jüdischen Tradition betrachtet, wenn man sie als
Konzertereignis auf große Bühnen bringt, was bleibt dann?
- · die mystische Musikphilosophie des Weitergebens, des Vermittelns von Musik: ein Musiker produziert
keine Musik, sondern er vermittelt die Schönheit der Schöpfung an sein Publikum
- · die Idee, durch das Instrument zu sprechen, zu singen, Kommunikation mit dem Publikum herzustellen
- · faszinierende Tonleitern, Melodien und Rhythmen als Ausgangsmaterial für Improvisationen und Kompositionen
- · ein Brückenglied zwischen Orient und Okzident, zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen den
verschiedenartigsten Menschen
- · eine tiefe Achtung vor den Menschen, die Zugang zu dieser Musik gefunden und ihr Wissen weitergegeben haben.
Schon 5 gute Gründe, warum es bei der eindeutigen Aufforderung: "Spiel, Klezmer, spiel!" bleiben muss!
Helmut Eisel (März 2002) |
|
| |
|
|
|