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Kimmo Pohjonen
und das Akkordeon der Neuzeit
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| Kimmo Pohjonen gehört zu der seltenen Gattung
von Musikern, die dazu geboren sind, Genres neu zu definieren und
Maßstäbe zu setzen. Die Vision und das Engagement dieses
Mannes sind so stark, dass schon nach fünfjähriger Solokarriere
die ganze Welt an diesem Erlebnis teilhaben möchte. Ohne jeden
Zweifel ist Pohjonen ein Vorbote der Musik des 22. Jahrhunderts. Wie
ein heidnischer Priester, der eine ganze Dämonenbrut aus seinem
eigenen Innersten austreiben möchte, befreit Kimmo Pohjonen sein
Instrument von jeglichem historischen Ballast. Das Akkordeon ist keine
jammernde Quetschkommode mehr, die ab und zu hervorgeholt wird, um
in nostalgischer Erinnerung die alten Volksweisen erklingen zu lassen.
In seinen Händen erwacht das Akkordeon zu neuem Leben und spricht
mit der Stimme der Zukunft von einem schönen Morgen. Mit einer
ganzen Batterie an Sound-Modelling-Equipment und seiner eigenen Stimme
verbindet Pohjonen diesen Ansatz mit seinem Instrument - postmodern
und definitiv ikonoklastisch. Auf dieser Suche nach neuen Ufern unterstützt
von seinem bewährten Toningenieur Heikki Iso-Ahola und einem
quadrophonischen Soundsystem, erklimmt der Meister des Blasebalgs
täglich neue Höhen. Und als ob dies nicht genug wäre,
eröffnen sich einem in Pohjonens Shows durch die phantastische
Ideenwelt des "Lichtchoreographen" Ari "Valo"
Virtanen gänzlich neue Dimensionen. |
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Bahnbrechende Solo -Innovationen |
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Die unbegrenzten Möglichkeiten der verschiedensten
Mittel zur Bearbeitung von Tönen veranlassten Pohjonen vor etwa
fünf Jahren, erste Schritte in ein bisher unerforschtes Terrain
zu wagen. Die Arbeit mit Effekten, die hauptsächlich für
Gitarristen bestimmt waren, erwies sich zwar als nützlich, das
einschneidendste Erlebnis für Pohjonen aber war die Entdeckung
des Loop-Sampler, eines Geräts, mit dem Musiker in Echtzeit Loops
und Soundscapes kreieren können, um dann bei einem Konzert etwa
Live-Duette mit sich selbst zu spielen. Zu diesem Zeitpunkt war Pohjonen
bereits bestens in der Tradition seines geliebten Akkordeons geschult,
so dass der Aufbruch zu neuen und abenteuerlichen Ufern außerordentlich
stimulierend erschien. In den Worten des mittlerweile 37-jährigen,
weit gereisten Neuentdeckers des Akkordeons ausgedrückt, war
diese Zeit sehr "erleuchtend". "Der wichtigste Einfluss
in diesem Bereich war für mich der Gitarrist/Komponist Jarmo
Saari", so Pohjonen. "1995 ergab sich die erste Gelegenheit,
mit diesem vielseitigen, talentierten Mann Musik zu machen, als seine
Band ZetaBoo mich und den Geiger Arto Järvelä (gemeinsam
bekannt als das "Urban Folk"-Duo Pinnin Pojat) zu sich auf
die Bühne einlud. Als ich Jarmos Effekte ausprobierte, sah ich
meine Zukunft plötzlich deutlich vor mir. Gleich am nächsten
Tag kaufte ich meinen ersten Loop-Sampler, den Lexicon JamMan".
Während der Planungen für seinen ersten Auftritt als Solokünstler
entschied sich der Akkordeonist 1996, den Stier bei den Hörnern
zu packen und die noch ahnungslose Welt mit seinen neuartigen Ideen
zu konfrontieren. Nachdem diese Büchse der Pandora erst mal geöffnet
war, gab es kein Zurück mehr. Neben der Erkenntnis, sich nun
zweifellos auf dem richtigen Weg zu befinden, fasste er den Entschluss,
sich von akkordeon-orientierten Einflüssen wie Astor Piazzolla
oder Flaco Jimenez zu lösen. Er fühlte, dass diese Zäsur
der einzig wahre Weg sei, um etwas völlig Neues zu schaffen.
Diese Entscheidung wurde mit einem fast noch nie da gewesenen internationalen
Erfolg belohnt, der sich wie ein Lauffeuer auszubreiten scheint. Die
bahnbrechenden Soloshows in Ländern wie Frankreich, Deutschland,
Schweden, Italien, Griechenland, Israel, Spanien, Großbritannien,
den USA, Russland, Japan und Brasilien sowie die Triumphzüge
etwa bei seinem Auftritt 1999 anlässlich des WOMEX-Festival in
Berlin oder bei seinem Konzert 1997 im Rahmen des "Now You Squeeze
It" Akkordeon-Happening in London machten deutlich, dass die
Welt für einen Künstler bereit ist, der auf den Klängen
des Akkordeons ins All reist. Noch mehr Öl ins Feuer gießt
sein Soloalbum "Kielo" (1999), das immer dort, wo es erscheint,
neue Zuhörer, Kritiker und Konzertorganisatoren in Erstaunen
versetzt. Die Nachfrage nach dem hochgelobten Debütalbum ist
so groß, dass die Aufnahmen von Kimmos zweitem Werk bereits
zweimal unterbrochen werden mussten, um den Anfragen der Konzertpromoter
nachkommen zu können. |
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Kosmopolitisches Sounddesign |
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Kimmo Pohjonen begann im Alter von zehn Jahren,
Akkordeon zu spielen. Der wichtigste Einfluss des jungen Musikers
war sein Vater, ein Mitglied der Volksmusikgruppe "Pelimannipiiri'
aus dem Heimatort von Pohjonen, Viiala, einer ländlichen Kleinstadt
etwa 40 Kilometer südlich von Tampere. Obwohl das fünfreihige
chromatische Akkordeon Mitte bis Ende der 1970er nicht unbedingt das
angesagteste Instrument war, blieb Kimmo seinem Blasebalg treu. Im
Alter von 17 Jahren zog er nach Helsinki und setzte sein Studium schon
bald an der berühmten Sibelius Academy fort. Nach fünf Jahren
in der klassischen Abteilung wechselte er zur neu eingerichteten Abteilung
für Folk Music und stürzte sich begeistert in die aufregenden
Möglichkeiten dieses Musikstils. Mit Anfang Zwanzig jedoch wurde
Pohjonen seines eigenen Instruments überdrüssig. "Irgendwie
war ich das Akkordeon einfach leid und entschied, eine Pause einzulegen
und nach Tansania zu reisen. Die Reise sollte sowohl einem beruflichen
wie auch einem privaten Zweck dienen: Ich wollte Urlaub machen und
einige Unterrichtsstunden auf dem Mbira, einem Daumenklavier nehmen,
das seinen Ursprung in dieser Gegend hat. Anschließend kehrte
ich nach Finnland zurück, wo ich mich sofort heftig in Astor
Piazzolla und den argentinischen Tango verliebte. Ich hatte wirklich
keine andere Wahl, als nach Buenos Aires zu reisen, um das Bandoneon,
den südamerikanischen Cousin des Akkordeon, spielen zu lernen."
Aber dieser Plan sollte schon bald scheitern, da Pohjonen erkannte,
dass fast alles, was er auf dem Akkordeon gelernt hatte, für
das Bandoneon unbrauchbar war. Zwar brachte er ein Bandoneon mit nach
Hause, gibt aber zu, dass ihm das Instrument in letzter Zeit fast
nur als Staubfänger diente. Der aufmerksame Zuhörer wird
aber ohne Schwierigkeiten die "argentinischen Züge"
und die "tansanischen Züge" in Pohjonens origineller
Mischung aus finnischen Wurzeln und globaler Offenheit herausfiltern
können. Tatsächlich steht dem Astronauten unter den Akkordeonisten
ein breites Spektrum an Einflüssen zur Verfügung, aus dem
er Inspirationen ziehen kann. Er ist ein Harmonikaspieler der Weltklasse
und ein passionierter Kenner des nordindischen Harmoniums. Diese kaleidoskopische
Vielfalt spiegelt sich nicht nur in Kimmos außergewöhnlicher
Solokunst wider, sondern auch in seiner fantasievollen Wahl von Arbeitsumgebungen.
Dieser Mann, dem 1996, 1997, 1998 und 1999 die Auszeichnung "Finnischer
Folk-Musiker des Jahres" verliehen wurde, stürzt sich begeistert
in improvisierte Duette mit solch Gleichgesinnten wie dem Posaunisten
Markku Veijonsou oder dem französischen Schlagzeuger Eric Echampard.
Seit 1997 ist er außerdem ein maßgebliches Mitglied der
äußerst erfolgreichen finnischen Rock/Ethno-Gruppe Ismo
Alanko Säätiö. Das Debütalbum "Pulu"
der Gruppe - groovy, aber mit mystischem, schamanenhaftem Touch -
wurde 1996 mit dem Emma-Preis (dem finnischen Gegenstück zum
Grammy) ausgezeichnet. Begeistert von der energiegeladenen Performance
und dem vielseitigen Stil von Pohjonen ernannte Alanko ihn scherzhaft
zum "lead guitarist" der Gruppe. |
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Verstärkte Akkordeon-Alchemie |
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Ein aus künstlerischer Sicht zunehmend wichtiger
Faktor für Pohjonen sind heute die verschiedenen Großprojekte,
die im März 1998 begonnen wurden, als er im Rahmen der Konzertserie
zeitgenössischer finnischer Komponisten "Sirpalesinfonia"
(auch bekannt als "Shattered Symphony") sein Stück
"Broken Windows" vorstellte. Diesem von der Kritik gefeierten
Stück folgte im November 2000 die "KalmukkisinFonia"
(auch "Kalmuk"). Das Stück, ein dynamischer Wirbelwind
aus Akkordeon, zwei Schlagzeugern und einer 15-köpfigen Sinfonietta,
erhielt Kritiken, die von enthusiastisch bis zu ekstatisch rangierten.
Gegenwärtig ist eine Aufführung der Produktion in Großbritannien
für Ende 2002 geplant. Ein weiteres großes Projekt für
2002 ist "Manipulator", eine audiovisuelle Extravaganz,
die von Kimmo, der Buto-Tänzerin Aki Suzuki und der Multimedia-Künstlerin
Marita Liulia im Kiasma Museum in Helsinki aufgeführt werden
soll. Während der Proben zu "KalmukkisinFonia" wurde
Pohjonen von einem weiteren "Moment der Erleuchtung" heimgesucht.
Wiederum mit Hilfe moderner Technik, aber durchdrungen vom Geist eines
furchtlosen Künstlers, war dieser Moment für die Entwicklung
von Kimmos Stimme entscheidend. "Der brillante Kalmuk-Schlagzeuger
Samuli Kosminen und ich bauten gerade unser Equipment auf, als ich
bemerkte, dass er die neuen, elektronischen "All-in-one"-Roland
HandSonic Pads dabei hatte. Samuli verwendete sie, um Samples zu kreieren,
und ich bat ihn, aus den ächzenden und heulenden Geräuschen
meines Lasse Pihlajamaa Timangi-Akkordeons einige Soundbites zu machen.
Diese Samples führten uns auf einen neuen Weg des künstlerischen
Ausdrucks. Um dem allem die Krone aufzusetzen, geschah dies an meinem
Geburtstag, und ich denke, dass mir niemand ein schöneres Geschenk
hätte machen können." So erblickte Kimmo Pohjonen Kluster
das Leben, ein Mini-Ensemble aus Akkordeon, Schlagzeug und Live-Elektronik.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass dieses Duo-Konzept insofern
einzigartig ist, als die von Samuli über seine Hand Percussion
Pads eingespielten Live-Akkordeon-Samples im wesentlichen den gewünschten
Effekt haben, dass man das Gefühl hat, zwei Akkordeonspieler
zu hören. Teilweise wird das Kluster-Ensemble von Abdissa "Mamba"
Assefa verstärkt, einem weiteren hervorragenden und sehr experimentierfreudigen
Schlagzeuger. Es ist jedoch in erster Linie das dynamische Duo aus
Pohjonen und Kosminen, das das Publikum elektrisiert und die Grundlage
für Kimmos Album "Kluster" bildet. Wie schon "Kielo"
wird auch diese Platte vom Saxophonisten/Komponisten Tapani Rinne
(bekannt von RinneRadio und hierzulande durch die Arbeit mit Wimme)
produziert. "Ich denke, alle Musiker sollten versuchen, ihre
eigene natürliche Art zu finden, Töne zu produzieren. Letztlich
ist ein individueller Stil das einzige, was uns von unseren Kollegen
unterscheidet. Wenn man mit einer Performance oder einer Aufnahme
konfrontiert wird, bei der die Musiker nicht an ihre Musik glauben,
kann das sehr peinlich werden. Insbesondere dann, wenn das Publikum
spürt, dass die Musiker nicht mit ihrem Herz bei der Sache sind.
Dennoch glaube ich fest daran, dass es sehr gesund ist, seine eigenen
Grenzen auszutesten, indem man regelmäßig etwas neues ausprobiert.
Wie könnte man sonst Fortschritte machen?" Finnish Music
Quarterly - Text: Petri Silas |
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